Bergheil,

Kalte Hände im August

Heiko Jäschke (heiko) on 02.09.2018

Von einer großen Bergfahrt in Adr...


Mein Oberschenkel brennt: "Tritt mir in die Hüfte, dann auf die Schultern..."
"...?!?..."
"Mach hin! Mir platzt gleich der Oberschenkel"

....

Camino steht zitternd auf meinem Oberschenkel und die Kreuzbänder leisten Schwerstarbeit. Zu schlecht habe ich meinen rechten Fuß am Ring platziert und muss nun arg krampfen uns beide am Fels zu halten. Endlich steigt mir Camino auf die Schultern und die Last wird leichter. Wenn man das denn überhaupt Last nennen kann.
Camino, also Reinhold, unser Klubjüngster, deutlich länger als breit, 20 Jahre jung und gute 70kg leicht. Es könnte wahrlich schlimmer sein, zumal wir uns vorgenommen hatten die Baustelle zu Zweit zu meistern. Extra kurz, nur ein einzelner Karabiner zwischen meiner Beinschlaufe und dem Ring, denn auch für zwei große Kameraden ist diese Sedacky doch sehr weit, habe ich mich am Ring platziert. Langsam schiebt sich Camino höher und erreicht mit den Fingerspitzen ein leidliches Griffband. Ein paar Zentimeter kann ich ihm noch geben, auf den Kopf, auf die Hand, nun muss er es alleine schaffen. Camino tritt links hoch an und auch der rechte Fuß verlässt nun meine Hand. Ich sacke in mich zusammen und komme doch nicht weg. Keinerlei Griffe in der glatten Wand, um die Beinschlaufen zu entlasten. Auch Camino kämpft einen Meter über mir um die letzten Zentimeter. Ein seichtes Hangelband in den Händen, doch die Füße finden nur abschüssige Tritte in der glatten Wand. Dreißig Zentimeter sind es noch zum rettenden Handriß, der unsere Eintrittskarte auf Rübezahls Zahn sein soll. Wenn die Hand dort einmal klemmt, kommen wir auch hinauf! So haben wir es uns bei unzähligen Erkundungsrunden ausgemalt.

Seit Jens uns den stolzen Gipfel des Zub gezeigt hatte, waren auch Camino und ich sogleich Feuer und Flamme für diesen Berg. Ein spitzer Zahn in Mitten der Adersbacher Felsenstadt. 45 Meter hoch, von allen Seiten überhängend, 1964 durch die legendären Karel Hauschke und Jarda Krecbach erstbestiegen, leichtester Aufstieg VIIIa-VIIIc (in Böhmen weiß man das nie so genau). Für uns dünnarmige aber engagierte Berglüstlinge Kotzgrenze, aber hoffentlich machbar. Etwa ein Jahr lang haben wir uns ausgemalt, was alles zu tun ist um diesen Gipfel zu besteigen. Mut und Kraft, Kameradschaft, Tagesform, Wetter, Motivation, Glück. So ziemlich alles muss passen, damit wir es auf den Zahn schaffen und so wagen wir im August 2018, nach reichlich Trainigsklettermetern, einen Versuch.

Camino zieht zwei Meter über mir - ich bin immer noch an den Ring gefesselt - das Hangelgriffband an, sein linker Fuß steht so leidlich und schnippst dann doch hinaus.

"Sche.....!"

Seine Hand kratzt kurz an der rettenden Rißkante, doch dann geht es unweigerlich "nadolu". Fauchend fliegt er an mir vorbei, ein Stück Camino trifft mich im Gesicht. Drei Meter unter mir fängt das Seil an sich zu straffen und Camino hängt wieder im Überhängenden unterhalb des ersten Ringes. Jens der nun schon einige Zeit "Gewehr bei Fuß" von unten sichert, hat es, ob de Sturzes, gleich einen Meter ausgehoben.

Camino schüttelt sich kurz und ist im Nu wieder bei mir am zweiten Ring. "Der hat Nerven...", denke ich mir und bin froh als Camino sofort verkündet: "Gleich nochmal. Es hat nicht viel gefehlt."

"Na der hat Nerven", denken nun auch alle Versammelten am Fuße des Zahns. Der sichernde Jens, dessen Traumgipfel zum greifen nah und doch so fern erscheint. Heinz, der mit Kamera und der meisten Erfahrung in solchem Gelände wichtige Ratschläge gibt. Uwe Sacha, dessen stoische Rissruhe uns noch von Vorteil sein sollte. Sowie Otto und all die Anderen, die unten lagern und hoffnungsvoll den Zahn hinauf blicken.

"Nun denn!" Ein zweites Mal klettert Camino, diesmal schon deutlich sicherer, an mir hinauf. Im Nu steht er auf meinen Schultern, auf meinem Kopf, auf meiner ausgestreckten Hand. Das Ziel ist diesmal klarer: Die Hand im Riß haben bevor der Fuß wegrutscht. Alles ist im zweiten Versuch ein wenig effizienter, Camino findet die richtigen, wenn auch schlechten, Tritte.

"Auf geht's!", "Bleib dran!", "Flieg mir nicht nochmal hinunter!", schallt es durchs Tal. Wieder rutscht der linke Fuß weg, doch diesmal klemmt die Hand. Camino zieht durch. Drei, vier beherzte Klemmer weiter, fünf Meter höher. Camino erreicht den 3. Ring.

Zum ersten Mal an diesem Tag haben alle Beteiligten das Gefühl: "Heute schaffen wir es." Zwar wartet zwanzig Meter höher noch eine schwere Wandstelle, doch dort lassen wir uns nicht mehr abschütteln, sind wir uns sicher. Die schwersten Aufgaben, Sedacky zum dritten Ring und erreichen des zweiten Ringes, haben wir hinter uns. Am späten Vormittag, zwei Meter unterhalb des zweiten Ringes stand unser ganzes Unternehmen bereits einmal Spitz auf Knopf. Nach schwerem überhängendem Handriß, ist der zweite Ring nur noch an seichten, schmierenden Griffschalen zu erreichen. Technisch anspruchsvoll galt es die Füße lächerlich weit hoch zu positionieren, um den Einhängegriff, der seine Bezeichnung als solchen allerdings kaum verdiente, perfekt zu erreichen. Im etwa zehnten Versuch gelang es mir schließlich und die Expedition konnte weiter gehen.

Inzwischen haben wir Uwe von den befreundeten Schwefelbrüdern zum dritten Eisen geholt. Ihm obliegt die Aufgabe die nächsten 15 Meter Handriß zum vierten Ring zu führen. Einige Wochen zuvor hatten wir uns Tipps von den Rohnspitzlern eingeholt, die den Weg zuletzt geklettert hatten. Von ihnen wissen wir, dass hier lediglich eine Knotenschlinge auf halber Strecke sowie eine gewisse Feuchte im Riss zu erwarten sind.

Gewohnt stoisch sicher steigt Uwe, auch Gibbel genannt, den Riß empor. Nach sieben Metern liegt in der Tat besagte Schlinge und sie ist tatächlich gut. Kurz vor dem Ring wird es dann auch feucht im Riß, doch Gibbel lässt sich nicht beirren und schon tönt es "Aussichern!" von oben.

Die Schlussetappe ein Reibungsquergang im achten Grad, obliegt wieder mir. Der Start direkt am Ring ist derart grifflos und abweisend, dass ich schon fast verzweifle. Es geht einfach nicht los und wenn dann nur einen halben Meter ehe mir die Türe aufgeht und ich wieder neben Gibbel am Ring sitze. Heinz der das Prozedere von unten aufmerksam verfolgt und als einziger der Anwesenden bereits vor 37 Jahren auf dem Gipfel des Zahns gestanden hat, kramt irgendwo aus der hintersten Ecke seiner schier unerschöpflichen Bergerfahrungen etwas hervor. "Ich glaube wir sind dort erst links einen Meter hoch und dann rüber", ruft er von unten. Nun denn ich wechsle mit Uwe die Seiten am Ring und steige links einen Meter empor. Dann ein difiziler Balancezug nach Rechts und ich stehe über dem Ring und finde tatsächlich Griffe und sogar eine Schlingenmöglichkeit in Mitten der glatten Wand. Noch zwei Züge weiter und der fünfte und letzte Ring ist erreicht. Ich kann dort kaum stehen und beschließe sogleich weiter zu machen. Ein weiter Zug nach rechts und ich schaue in eine Runde, adersbachtypische, selbstverständlich grifffreie Röhre. Fuß hoch, Schulter rein, schrubb-schrubb und ich bin drin. Zehn Meter enger Kamin und ich stehe auf dem Gipfel des Zahns.

Camino, der nun schon einige Zeit am dritten Ring verberacht hat, ist als nächster dran. Ich beobachte von oben, dass irgendetwas nicht ganz rund läuft. Camino kann den linken Schuh nicht mehr anziehen. Beim Sturz zuvor, hat er sich wohl doch weh getan und bekommt den dicken Huf nun nicht mehr in die Bodden. So klettert er nun, den Linken hinter sich herschleifend, den Riß empor. "Dreipunktregel mal anders", denke ich mir und so arbeitet sich Camino empor. Der Quergang wird so sicher eine Herausforderung, doch irgendwie schafft er es und kommt kurz darauf mit nur einem Schuh, schwitzend aber glücklich oben bei mir an. Nun noch Jens! Der Riß stellt ihn wie erwartet vor keine großen Probleme, der Quergang schon eher, doch auch er lässt sich nun nicht mehr abschütteln. Schrubb, schrubb er ist am Gipfel und Uwe kann in die Schlusswand starten.  Kurze Zeit später sitzen wir alle glücklich am Gipfel. Eine Büchse Bier hat es inzwischen auch irgendwie hinauf geschafft und so genießen wir Erfolg und Aussicht. Allen fällt ein halbes Jahr Last von den Schultern und wir sind einfach nur glücklich. Keiner von uns wäre alleine hier oben angekommen. Allen wurde das Optimum abverlangt. Ein Umstand der unser aller Gipfelglück doch um ein vielfaches steigert.

Heiko

Zub / Zahn
"Studeny ruce" / "Kalte Hände"
6. Begehung, 80. Gipfelbesteigung

Heiko im Einstieg

 

Unterwegs zum zweiten Eisen

 

Die erste Crux vor dem zweiten Ring

 

Die aufregende Sedacky Baustelle

 

Camino unterwegs zum dritten Eisen

Am 3. Ring

 

Die Schlussetappe

 

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Von einer großen Bergfahrt in Adr...


Mein Oberschenkel brennt: "Tritt mir in die Hüfte, dann auf die Schultern..."
"...?!?..."
"Mach hin! Mir platzt gleich der Oberschenkel"

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